Johannes der Täufer- Gedanken zum dritten Advent

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas
In jener Zeit fragten die Leute den Johannes den Täufer:
Was sollen wir also tun?
Er antwortete ihnen: Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso.
Es kamen auch Zöllner zu ihm, um sich taufen zu lassen, und fragten: Meister, was sollen wir tun?
Er sagte zu ihnen: Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist.
Auch Soldaten fragten ihn: Was sollen denn wir tun? Und er sagte zu ihnen: Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold!
Das Volk war voll Erwartung, und alle überlegten im Stillen, ob Johannes nicht vielleicht selbst der Messias sei.
Doch Johannes gab ihnen allen zur Antwort: Ich taufe euch nur mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.
Schon hält er die Schaufel in der Hand, um die Spreu vom Weizen zu trennen und den Weizen in seine Scheune zu bringen; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen.
Mit diesen und vielen anderen Worten ermahnte er das Volk in seiner Predigt.

Es gibt Menschen, die nirgendwo hin passen.
Die in der Regel ‚links liegen‘ gelassen werden.
Mit denen keiner etwas zu tun haben möchte. Menschen am Rand der Gesellschaft. Manchmal werden sie darüber krank.

‚Systemsprenger‘ nennt man sie oder ‚Extremindividualisten‘.
Keine schönen Worte.
Sie schaffen Abstand und Distanz.
‚Die sind nicht so wie wir!‘:
Am besten einen weiten Bogen machen.
‚Mit unserer Art zu leben haben die nichts zu tun.“
Also darauf herab schauen.

‚Individualist‘:
Hört sich eigentlich gut an:
Jemand der seine eigenen Wege geht, der nicht mit der Masse schwimmt. Seinen eigenen Kopf hat. Vielleicht etwas stur ist. 
Aber auf jedenfall jemand, an dem man sich reiben,
vielleicht auch orientieren kann.
Nur wenn Der zu extrem wird – kippt es.
‚Sprenger‘:
Einer, der was sprengt; besser aufsprengt und in Bewegung bringt.
Einer der in schweigende Runden lebendig macht.
Einer der sich aus dem Fenster legt, was riskiert.
Einer der über sich selber lacht, sich nicht so wichtig nimmt.

Aber wenn Der das ganze System sprengt? 
Sich nicht mehr einfangen lässt, sich an keine Regeln hält?

Zur Zeit Johannes des Täufers war die Religion tödlich langweilig.
Wie eine bleierne Decke legte sie sich über das Leben der Menschen…
Alles war geregelt, alles wurde religiös durch die Pharisäer bestimmt.
Sie legten den Menschen ein enges ‚Glaubens-Korsett‘ an
dass ihnen die Luft zum Atmen und freien Denken nahm.
Man musste aufpassen, was man sagte und ja alles richtig machen…
Ein echter Religionsstreß.

Von Abraham, Mose und Elija wusste man irgendwie noch.
Aber deren Glaubenskraft, Energie und Lebendigkeit
hatte mit dem normalen Leben nichts zu tun.

David und Salomon waren übergroße Könige,
mit so bombastischen Glauben und übergroßer Weisheit, die sowieso kein Mensch erreichen konnte.

Das Chaos des Exils war weit weg.
Die schreckliche Entfernung vom Tempel,
dass im Glauben auf sich selber gestellt sein…

Und über Pilatus und den Kaiser in Rom konnte man sich ärgern und lästern – aber letztlich garantierten sie die Sicherheit im Land.

Da tritt dieser ‚Extremindividualist‘ Johannes der Täufer auf.
In einer anderen Lesung wird er uns so vorgestellt:
Als zottelig, ungewaschener Kamalhaarmantelträger,
ein Strick um die Hüften,
eher DROH- als FROHbotschaften ausstoßend.
Heute tritt er als ‚Systemsprenger‘ auf:
Einer, der verändert, nicht alles beim Alten lässt. Neu denkt.
Dem es nicht alles egal ist und der Nichts unwidersprochen hinnimmt.
Er sprengt das festgefahrene Religionssystem.
Raus aus den Tempel – rein in den Jordan!
Und Sie kommen zu ihm.
Er weckt Sehnsucht. Zeigt dass es anders geht. 
Nennt das Kind beim Namen.

Schwestern und Brüder:
Möchten Sie wirklich seine Botschaft hören?
‚Kehrt um!‘
‚Mach ich doch immer mal wieder – aber ganz und gar, alles ändern?

‚Wer zwei Gewänder hat, der gebe eins ab!‘ –
‚Tue ich auch, Humanitas hat schon eine Menge von mir –
aber der meint doch etwas anderes, der Täufer; viel Radikaleres, 
wie Sankt Martin: Konsequent die Hälfte abgeben?

‚Wer was zu essen hat, gebe dem, der nichts hat. –
‚Wir haben unsere Suppenküchen und Armentafeln! –
Aber diese Leute an unseren Tisch einladen, es selber machen?’

‚Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist!‘ –
‚Warum nicht mehr verdienen, wenn es gut läuft?
Und: Wer setzt den Preis fest? Der Markt?
Oder wie im Evangelium der Gutsherr, der alle Arbeiter gleich bezahlt und jedem gibt, was er zum Leben braucht?’

Bald geht es einen Schritt weiter:
Dann kommt der Sohn des Gutsherrn,
der nicht mit Wasser, sondern mir Geist tauft.
Er löscht den glimmenden Docht nicht aus und zerbricht das geknickte Rohr nicht…

Extreme Liebe. Aufsprengende Hoffnung. Amen

Ethik und der Weidezaun

‚Ethik‘ ist ein griechische stämmiges Wort.
Auf deutsch übersetzt heißt es in etwa: ‚Einen Weidezaun bauen.‘

Komisch – Du bist doch kein Bauer oder Hirte, der irgendwelche Kühe oder Schafe hütet.
Trotzdem musst du mindestens einen Weidezaun in deinem Leben bauen.

Denn Du möchtest, dass Dein Leben sicher und geschützt ist – zumindest ein bisschen.
Darum legst du Regeln fest. In die Du Dir vermutlich nicht gern hineinreden lässt und die andere beachten sollen.
Diese Regeln sind wie ein Weidezaun für dein Leben.
Den hast Du bestimmt schon oft umgebaut.
Der Zaun, der dein Leben sicher gemacht hast, als du vier Jahre alt warst, passt jetzt nicht mehr.
Wahrscheinlich ist der Zaun größer geworden, die Weide deines Lebens unübersichtlicher.

Vermutlich gibt es in deiner Familie einen ‚Familien-Weidezaun‘, in deiner Klasse einen ‚Klassen-Weidezaun‘, in deinem Sportverein…

Immer wenn einer den Zaun übertritt wird es spannend:
Positiv gesagt: Man kriegt neue Anregungen. Altes und Eingespieltes wird in Frage gestellt. Aha-Erlebnisse sind möglich.
Negativ gesagt: Du siehst das als Bedrohung. Was will Die oder Der? Die nerven doch nur. Die verstehen überhaupt nichts…
Du willst nach Deinen Regeln spielen, merkst aber, dass das nicht immer so geht.

So ist es auch im Krankenhaus.
Ganz verschiedene Menschen kommen zusammen:
Ärzte, Pflegende, Deutsche, Ausländer, Arme, Reiche, Putzfrauen und Chefs. Bestimmt noch viel mehr…
Jeder von denen hat seinen Weidezaun. Aber er bekommt es auch mit den Weidezäunen der anderen zu tun.

Ethik ist ‚Nachdenken über verschiedene Moralvorstellungen‘. (Weidezäune.)
Die können manchmal weit auseinander liegen.
Die Frage ist: Wer sich mit seinem Zaun durchsetzt?
Klar: Der verdrängt dann die anderen, die betreten ihre Klappe halten.
Der Stärkste setzt sich durch! Keine gute Lösung?

Wie geht es besser?
Alle Beteiligten setzen sich zusammen und überlegen gemeinsam, wie sie einen neuen, größeren Weidezaun bauen können, in dem niemand zu kurz kommt, der aber trotzdem nicht zu unübersichtlich ist.
Dass nennt man ‚Diskurs-Ethik‘.

Gerade in sehr schwierigen Situationen oder bei Dilemmas bleibt so ein Team langfristig handlungsfähig…

Also:
Werde dir klar über Deinen Weidezaun. Den solltest du am besten kennen.
Lerne die Zäune der anderen kennen, frag sie und stell deinen vor. Lass auch Fragen zu.
Achte auf widersprüchliche Aussagen. Wie könnt ihr alle damit umgehen? Sammelt Begründungen und Argumente für eure Positionen. Wägt ab. Was passt am Besten?
Baut einen weiteren, neuen Weidezaun.

Wenn Ihr so vorgeht, müsstet Ihr meistens zufrieden sein…

Also gar nicht kompliziert die ‚Diskurs-Ethik‘.

König?

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes
In jener Zeit
fragte Pilatus Jesus: Bist du der König der Juden?
Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben es dir andere über mich gesagt?
Pilatus entgegnete: Bin ich denn ein Jude? Dein eigenes Volk und die Hohenpriester haben dich an mich ausgeliefert. Was hast du getan?
Jesus antwortete: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier.
Pilatus sagte zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.

‚Barfuß oder Lackschuh,
alles oder nichts?
Leg ich mir nen Frack zu,
oder komm ich vor Gericht?
Barfuß oder Lackschuh,
so geht es bei mir zu!
Nie die goldene Mitte,
immer volles Risiko!‘

Besang 1990 Harald Juhnke sein Leben.
Ein Künstler der Extreme. Geniale schauspielerische Leistungen wechselten sich mit Sucht-Abstürzen ab, die öffentlich zelebriert wurden.
Beim Film der Trinker vermischten sich die Extreme.
Selbst als diese Katastrophen zu Juhnkes Alsheimer Erkrankung führten und er keine Chance mehr für den ‚Lackschuh‘ hatte,
lies man ihn nicht in Ruhe, bis er tot war …

Dreißig Jahre später beschreibt ‚Barfuß oder Lackschuh‘
den Zustand der Welt:

Gewinner und Verlierer.
Herrscher und Sklaven.
Promis und Penner.
Arme und Reiche.
Oben und unten.

‚Barfuß oder Lackschuh‘:
Das kennen wir.
Das erleben wir.
Wenn nicht bei uns selber,
dann aber doch im Privatfernsehn, in den Blättchen…

Bei uns persönlich ist es nicht ganz so krass wie z.B. bei Juhnke.
Meistens wechselt es immer wieder:
Mal ist unsere Lebens-Wagschale Oben – mal ist sie Unten…
Im Grunde pendelt Sie ‚Hin und Her‘
und sich dann bestenfalls in der Mitte ein…
Unsere Welt:
Hier ein Vorteil, da ein Nachteil,
hier ist es gut gelaufen, da gibt es nur Umwege.

Muss dass so sein?
Eine ‚Barfuß oder Lackschuh‘ – Welt?
Gibt es eine andere?
Im Sinne der Bergpredigt?

Der,
der Frieden, Ausgleich, Gerechtigkeit, Solidarität will;
der den Blick über unseren eigenen Horizont hinaus fordert;
der einfach nur Menschlichkeit lebt;
der, der das Göttliche in jedem Menschen sieht:
Der steht im heutigen Evangelium ganz Unten.
Barfuß. Meilenweit vom Lackschuh entfernt.

Er ist der Freiheit beraubt.
Kann nicht gehen, wohin er will.
Ist von Grenzen eingeschnürt, die eigene Wege verunmöglichen.

Gefangener der Römer.
Ausgeliefert von den Machern seines Volkes:
Wirklich: Ganz Unten.
Mehr Barfuß geht nicht.

Klein und schäbig steht oder kniet er
vor dem hoch-herrschaftlichem Thron des Repräsetanten
des mächtigsten Mannes der Welt.
Dem, der alle menschlichen Maßstäbe festlegt. 
Ein ganzer ‚Lackschuhmensch‘.

Diesen Barfußmenschen,
dieses Gegenteil von einem König –
bezeichnen wir als unseren König.
Zumindest hier jetzt in dieser Messe.

Auch der ‚Lackschuhmensch‘ Pilatus bezeichnet ihn als König.
Fragt: „Bist du ein König?“

Warum?
Will er ihn vespotten, ihn demütigen?
Macht er sich lustig über ihn?
Hat er so eine geringe Meinung von den Juden, dass er einen strafgefangenen Obdachlosen als deren König ansieht?

Wie reagiert Jesus?
Nicht wie ein stotterndes, schlotterndes Opfer.
Nicht wie jemand, der ganz am Boden ist, dem die Nerven blank liegen.
Nicht wie einer der meint, noch seinen Kopf aus der Schlinge ziehen zu können, wenn er nur geschickt genug ist.

Jesus begegnet Pilatus.
Und zwar genau so, wie er dem Bettler Bartimäus begegnet.
Souverän. Ausgeglichen. Auf Augenhöhe.
Er spielt das übliche ‚Barfuß oder Lackschuh‘ Spiel nicht mit.

Hast du eine eigene Meinung, Pilatus?
Plapperst du nach, was man dir erzählt?
Suchst du immer die schnellste, die lauteste, die einfachste Lösung?
Oder – meinst du wirklich ernst was du fragst?

Pilatus reagiert irritiert. Ganz anders als in ähnlichen Situationen.
Braucht einen Augenblick bis er sich fängt, bis er wirder Oberwasser kriegt.
Er scheint zunächst abzulenken:
„Dein Volk, deine eigenen Hohen-Priester haben dich ausgeliefert.“
Pilatus ist mit seiner Antwort nicht bei Jesus.
Er ist mit seinem eigenen Status beschäftigt.
Ihn interessiert, wer für diese Misere zuständig ist.
Wer Schuld daran hat.
Wer ihm dieses Bauernopfer vor die Füße wirft.
Ja, die Hohenpriester wollen ihn herausfordern seine Souveränität angekratzen.

„Ich bin kein Jude!“
Ich gehöre nicht dazu. Ich bin anders.
Bricht es aus ihm heraus.

„Dein Volk. Deine Hohenpriester.“
Pilatus klingt immer zorniger.
Ich will das doch gar nicht! Ich bin genauso Opfer wie du.

Dann bittet Pilatus:
Hilf mir zu verstehen, warum wir beide in dieser Situation sind:
„Was hast du getan?“

Jesus nimmt ihn ernst.
Königlich antwortet er und gibt dem Herrscher die Chance,
zu verstehen.
Ein Rollentausch.
Aber nicht in dem üblichen Sinne:
Aus dem ‚Lackschuhträger wird ein Barfüßiger‘.
Das ist nicht die Welt Jesu.

Er beschreibt sein Königtum:
Es ist da, um ‚Wahrheit’ in die Welt zu bringen.
Nicht das Übliche: Geld, Macht, Einfluß macht sein Königtum aus.
Wahrheit ist das Kriterium für das Königtum Jesu Christi.

Damit bringt er Pilatus zum stottern.
„Was ist Wahrheit?“

„Was ist Wahrheit?“

Bartimäus: Gedanken zum 30. Sonntag

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Markus
In jener Zeit
als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus.
Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!
Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!
Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.
Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu.
Und Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können.
Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.

Bibeltexte
sind treffend für das alltägliche Leben und die Arbeit.
Die Bartimäusgeschichte ist ein Paradebeispiel dafür.
In dieser Erzählung sind die wichtigsten Grundgedanken der modernen Ethik grundgelegt.
Thema ist: Selbstbestimmung – Autonomie.

Ganze Jahrgänge von Krankenpflegeschülerinnen und Schülern mussten sich in meinem Ethik-Unterricht mit diesem Text ausseinadersetzen.
Die entscheidende Fragestellung an sie war:
‚Ist Jesus doof?‘

Warum?
Vermutlich würden 90% der hier Anwesenden sagen:
‚So eine Frage kann man doch nicht stellen, das ist despektierlich!Jesus ist doch Gottes Sohn und kann niemals ernsthaft als
‚doof‘ bezeichnet werden.

Gehen wir diesen Text noch einmal durch:

Blinder Bettler Bartimäus:
Schreiend, verwahrlost, stinkend, faulige Zähne. 
Schreiend: Immer mehr, immer lauter. Fast unerträglich.
Hilflos, tapsig und langsam Nähe suchend.

Belästigte Bürger:
Peinlich dieser Typ! Davor muss ich meine Kinder beschützen. Dass die Polizei den nicht einfach wegsperrt.
Fall nicht auf, Bartimäus. 
Stell deine Armut nicht so sehr in den Mittelpunkt. Es gibt nicht nur solche Schandflecke in unserer Stadt. Es gibt auch schönes! Dass soll der Rabbi Jesus sehen!

Jesus:
Zuhörend, Wach, mit offenen Augen und Ohren unterwegs.
Jesus nimmt Not wahr. Entscheidet sich, ihr zu begegnen und nicht bloss das Schöne und Erfolgreiche zu sehen.

Jünger:
Sie vermitteln, sie unterstützen. 
An dieser Stelle wissen sie, warum sie mit Jesus unterwegs sind und was sein Anliegen ist. 
(Letzten Sonntag war das noch anders mit der wirklich doofen Frage von Jakobus und Johannes: ‚Dürfen wir rechts und links in der Ewigkeit neben dir sitzen?)
Hier haben sie die Chance diese Dummheit wieder gut zu machen, nicht nur auf das eigene Seelenheil in der Ewigkeit zu schauen und sich dem zu stellen, der arm ist, der stinkt und von dem nichts zu erwarten ist.

Jesus:
Hört, dass der Blinde schreit: „Ich will wieder sehen!“.
Steht ganz nah vor ihm. Sieht und erkennt seine Ausweglosigkeit.
Sagt nicht: „Da kann man sowieso Nichts machen!“ und gibt ihm 50,- Cent.
Oder, wie es immer wieder in Einkaufsstrassen in ähnlichen Situationen zu hören ist: „Der soll erstmal arbeiten!“
Er fragt Bartimäus ganz einfach: 
„Was soll ich dir tun?“

Warum?
Ganz bestimmt nicht, weil Jesus ein ‚wahrnehmungsgestörter‘ Idealist ist.
Jesus handelt auch nicht einfach drauf los.
Jesus als Arzt gesteht dem Patienten Bartimäus nicht nur einen Gesprächsanteil von maximal 20% zu, weil er sowieso schon vorher weiss, was er zu tun hat.
Jesus handelt auch nicht ungefragt, weil er es doch
„Nur gut gemeint hat!“

Jesus 
fragt schlicht, was Bartimäus möchte.
Damit achtet er ihn als Person.
Damit reißt er ihn aus der üblichen Rolle heraus, als abge-stempelten Almosenempfänger.
Damit nimmt er ihn ernst.

Bartimäus
wird die Frage Jesu,
mit all ihren Facetten, nicht voll und ganz beantworten können.
Er hat vermutlich schon lange nicht mehr über sich selbst, seine Wünsche und seine Situation nachgedacht.
Wenn er hier schreit, dann wohl eher instinktiv.
Er hat sich mit seiner Rolle abgefunden,
erwartet vom Leben nichts mehr.
Außer, wie er die nächsten Stunden überhaupt überleben kann.

Nachdenken ist anstrengend.
Das merkt auch Bartimäus.
Darum stammelt er nur: „Ich möchte wieder sehen können.“

Ich wünsche uns mit diesem Evangelium:
Dass wir sehen. 
Dass wir wahrnehmen.
Und wenn wir zu wissen glauben, was denn zu tun ist:
Dass wir den anderen erst fragen.

Amen.

Kudamm ’56 + ’59: Was aus den Menschen raus kommt….

Gedanken zum Sonntag:

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Markus
In jener Zeit
hielten sich die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, bei Jesus auf.
Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen.
Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Hand voll Wasser die Hände gewaschen haben, wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt.
Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln.
Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also:
Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen?
Er antwortete ihnen:
Der Prophet Jesaja hatte Recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.
Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen.
Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen.
Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte:
Hört mir alle zu und begreift, was ich sage:
Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.
Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord,
Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft.
All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein.

Ansprache
Es ist sinnlos, wie sie mich verehren…

Ihr gebt Gottes Wort preis…

Was aus den Menschen heraus kommt, das macht ihn unrein…

Schwestern und Brüder,
es gibt Abende,
da ist man froh, dass es die Mediathek am Fernsehen gibt.
So war es in den letzten zwei Wochen bei mir.
Da gab es aufeinmal sechs Folgen, die ich bei der Ausstrahlung gar nicht wahrgenommen hatte.
Vielleicht haben Sie auch ‚Kudamm 56 + 59‘ gesehen.

Mich hat das berührt:
Weil da starke und mutige Soul Musik vorkommt,
die man Anfang der sechziger Jahre nicht in Deutschland vermutet hätte.
Weil diese Folgen beschreiben,
was Jesus im Evangelium – fast verzweifelt – versucht,
 den Menschen nahezulegen:

Es ist sinnlos, wie sie mich verehren …
Ihr gebt Gottes Wort preis…
Was aus den Menschen heraus kommt ist Unrein …

’Kudamm 56 und ’59:
Das ist gerade gut 10 Jahre vom Ende der Nazizeit entfernt
und findet keine fünf Jahre vor dem Mauerbau in Berlin statt.
Beiden Faktoren: 
Drittes Reich und der ‚real existierende Sozialismus‘ prägen den Hintergrund der ‚Kudamm’ – Folgen:

Die Tanzschule Galant, Mittelpunkt des Filmes, prominent am Kudamm gelegen, wurde der Familie Schöllack 1936 von den Nazis zugesprochen, früher gehörte sie Juden.
Der Musiker Freddie, in der Regel gut drauf und immer für eine verrückte Idee gut, hat als Einziger der Familie Donath das Konzentrationslager überlebt, die schrecklichen Erlebnisse scheinbar völlig verdrängt, bis sie ihn plötzlich gnadenlos einholen und er sich schwer tut, weiter zu leben.
Der alternde Regiesseur Kurt Moser, der in den ’60 Jahren mit der Produktion von Unterhaltungfilmen beschäftigt ist, trauert der ‚arischen Zeit‘ nach, in der er völkische Filme produzierte, die die Überlegenheit der deutschen Rasse beschreiben und diese zum Durchhalten motivierten.
Der Unterschied der Lebensbedingungen zwischen Ost- und Westberlin wird in den Jahren immer gravierender. 
Angefangen bei der hilflosen sozialistischen Unterweisung eines kleinen verstörten Jungen, dessen Mutter nicht dem Gesellschafts-Ideal entspricht, 
bis hin zur gnadenlosen Verhaftung eines homosexuellen Anwalts, der wegen Denunziation am Grenzübertritt nach Werstbertlin gehindert wird…

Nationalsozialismus und Sozialismus haben sich FAST überlebt.
Als sinnlos erwiesen…
Sie haben Gottes Wort preisgegeben…
Und was waren und sind die grauenhaften Folgen:
Was aus den Menschen dieser Systeme heraus kam und kommt bringt Tod und Verderben.

Die Klagen Jesu finden sich in den Chararkteren der Serie wieder:
Catharina Schöllak, Mutter von drei Schwestern, die sie allein aufzieht, hat 1936 die Tanzschule geerbt. 
Sie duldet keine Negermusik in ihren Räumen, weil sie befürchtet, dass sich am Ende ‚ alle wie die Tiere auf der Erde wälzen‘.
Ihr Hauptziel ist, dass ihre drei Töchter gut verheiratet werden: 
Liebe ordnet sie dem Status unter.
Für ihre jüngste Tochter Monika hat sie Verachtung und Ablehnung übrig, weil sie rebelliert, versucht zu leben, wie sie ist, sich nicht zu verstellen. Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit sind für sie entscheidend. Das drückt sie mit ihrer Musik aus und lässt sich nicht in Rollen hinein zwängen. Diese Haltung bereitet ihr viel Leid. Und trotzdem hilft Monika ihrer Mutter immer wieder.
Die älteste Tochter Helga heiratet einen homosexuellen Mann, der als Rechtsanwalt arbeitet und seine Veranlagung nicht unterdrücken kann, obwohl sie unter strafrechtlicher Verfolgung steht. 
Sie versucht ‚heile Welt’ darzustellen, sich als ‚perfekte Hausfrau‘ zu präsentieren, nötigt ihrer kleinen Schwester das unehelich geborene Kind ab, damit ihre Familie nach Außen als normal gilt.
Die mittlere Schwester Eva, Krankenschwester in der Psychiatrie, heiratet den krankhaft eifersüchtigen Chefarzt Dr. Fassbender. In der Nazizeit hat er als Assistenzarzt im Konzentrationslager an Menschen ‚geforscht‘. 
Er verbietet ihr den Führerschein, nötigt sie in eine Rolle, die ihr nicht entspricht…

Die Liste könnte weitergeführt werden…

Ist das Äußere wichtiger als das Innere?
Wie gehen wir mit Gottes Wort um?
Dient das, was aus uns heraus kommt, dem Leben?

Bleibt unser Herz dabei auf der Strecke?

Das wirft Jesus den Pharisäern vor.
Sie verlangen den Menschen Äußerlichkeit ab.
Religion wird zur Pflichtübung. Zum Abhaken von Äußerlichkeiten.

Über Äußerlichkeiten hinweg blicken.
Gesellschaftlichen Tabus hinterfragen, mitunter brechen.
Wie Jesus:
Er achtet auf das Innere, auf das, was vom Herzen kommt.

Entscheiden

Gedanken zum 22. Sonntag, Lesejahr B
zu: Jos 24, 1-2a.15-17.18b und Joh 6, 60-69

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes
In jener Zeit sagten viele der Jünger Jesu, die ihm zuhörten: Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?
Jesus erkannte, dass seine Jünger darüber murrten, und fragte sie: Daran nehmt ihr Anstoß?
Was werdet ihr sagen, wenn ihr den Menschensohn hinaufsteigen seht, dorthin, wo er vorher war?
Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben.
Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben. Jesus wusste nämlich von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde.
Und er sagte: Deshalb habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist.
Daraufhin zogen sich viele Jünger zurück und wanderten nicht mehr mit ihm umher.
Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt auch ihr weggehen?
Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.
Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes.

Entscheidungen wurden getroffen:

Von Petrus und den Aposten bei Jesus zu bleiben,
von Josua und seinem Haus Gott zugehörig zu sein.

Alternativlose Entscheidungen.
Diese Menschen haben ihre Erfahrungen gemacht,
die Entscheidung für Jesus und Gott ist für sie klar und fest,
nie und nimmer werden sie diese dem opfern, was kurzfristig als attraktiv erscheint. Und was fast alle machen.

Zu wem sollen wir gehen? Fragt Petrus stellvertretend. 
Das besagt alles.
Jesus / Gott ist keine Möglichkeit neben anderen Möglichkeiten,
Ihn suche ich mir nicht aus,
ihm muss ich mich nicht erklären, mich nicht vorstellen.

Wenn wir das wissen und mit unserem Kommen zeigen,
wie unsere Grundentscheidung ist,
heißt dass noch lange nicht, dass wir in allen Situationen uns immer wieder so entscheiden.
Manchmal scheint es peinlich zu sein – oder man setzt sich der Gefahr aus, aufzufallen und als ‚komisch‘ zu gelten.
Da hatten es die Menschen der Bibel vielleicht einfacher,
ihr Leben war überschaubarer,
die Möglichkeiten zwischen denen sie wählen konnten geringer.

Entscheidungen:
Manchmal regen sie mich auf:
Wenn ein Dreijähriger entscheiden soll, ob die Familie rechts oder links um den Teich laufen soll; 
wenn jemandem vorgegaukelt wird, er könne entscheiden – aber im Grunde steht schon alles fest…

Es gibt Menschen, die Zeit ihres Lebens für andere sichere Entscheidungen getroffen haben, aber wenn sie selber betroffen sind, sieht die Welt ganz anders aus!
Mitunter müssen weitreichende Entscheidungen in sehr kurzer Zeit gefällt werden. 
In Notfällen kann das wichtig sein,
aber in den meisten Fällen ist Zeit da, auch wenn sie meist aus wirtschaftlichen Gründen dem Entscheider nicht zugestanden wird.

Im Krankenhaus zum Beispiel. 
Da können gar keine Eingriffe ohne die Zustimmung des Betroffenen oder des Bevollmächtigten erfolgen. (Wenn kein Notfall vorliegt.)

Wie können wir tragfähige Entscheidungen fällen?

Das erste ist das Wahrnehmen der Entscheidung.
Bei den Aposteln und Josua lag es klar auf der Hand, 
was sie zu entscheiden hatten. Aber das ist nicht immer so. 
Manchmal gibt es das unbestimmte Gefühl, dass irgendetwas an der Entscheidungssituation nicht stimmt. 
Bevor Sie sich festlegen, klären Sie das!

Bereiten Sie ihre Entscheungen gut vor.
Überlegen Sie, was Sie eigentlich genau entscheiden müssen, 
wie die Entscheidungsfrage heißt.
Gibt es Alternativen? 
Was sind Ihre Handlungsmöglichkeiten? 
Gibt es Dinge, die Sie kurzfristig entscheiden können und andere, 
die mehr Zeit brauchen?
Passen die Entscheidungen zu Ihrem Leben und zu ihren Zielen?

Mit Kriterien abwägen.
Was ist Ihr erster Impuls? 
Was sagt Ihr Bauchgefühl?
Steht die Entscheidung in Übereinstimmung mit Ihren Grundwerten?
Wem nützt sie?
Gibt es Pro- und Kontraargumente?
Bekommen Sie durch das Ergenbis neue Energie?
Sind Sie sich selber gegenüber ehrlich – oder schieben Sie etwas vor? Meinen Sie ‚etwas machen zu müssen‘?

Versetzen Sie sich in die Handlungsmöglichkeiten.
Gibt es Ergebnisse, die klar herausfallen, 
die Ihnen keinen Frieden geben? 
Oder umgekehrt: Bei welchem Ergebnis fühlen Sie sich wohl, was spricht Ihnen aus dem Herzen?

Wenn Sie so weit sind, dann schlafen Sie eine Nacht darüber. 
Legen Sie sich nicht vorschnell fest.

Durchdenken Sie am nächsten Tag die Situation noch einmal 
und legen Sie sich fest. 
Treffen Sie die Entscheidung entschlossen. 
Und fragen Sie sich, nach einiger Zeit, welche Auswirkung die Entscheidung hatte.

Liebe Schwestern und Brüder,
die Jünger die Jesus verlassen hatten, wollten sich ein Hintertürchen offenlassen. 
Sie wollten sich ihren Jesus so zurechtbiegen, dass er in ihr Leben passt. Dass Sie sich nicht verändern müssen.

Jesus verschärft diese Situation noch. 
Er kämpft nicht um sie, will sie unter allen Umständen halten. 
Im Gegenteil: Er sagt: ‚Daran nehmt Ihr Anstoss‘?
Was wird erst geschehen, wenn sie tieferen Einblick erhalten?

Was wird mit uns geschehen?