Bartimäus: Gedanken zum 30. Sonntag

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Markus
In jener Zeit
als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus.
Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!
Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!
Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.
Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu.
Und Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können.
Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.

Bibeltexte
sind treffend für das alltägliche Leben und die Arbeit.
Die Bartimäusgeschichte ist ein Paradebeispiel dafür.
In dieser Erzählung sind die wichtigsten Grundgedanken der modernen Ethik grundgelegt.
Thema ist: Selbstbestimmung – Autonomie.

Ganze Jahrgänge von Krankenpflegeschülerinnen und Schülern mussten sich in meinem Ethik-Unterricht mit diesem Text ausseinadersetzen.
Die entscheidende Fragestellung an sie war:
‚Ist Jesus doof?‘

Warum?
Vermutlich würden 90% der hier Anwesenden sagen:
‚So eine Frage kann man doch nicht stellen, das ist despektierlich!Jesus ist doch Gottes Sohn und kann niemals ernsthaft als
‚doof‘ bezeichnet werden.

Gehen wir diesen Text noch einmal durch:

Blinder Bettler Bartimäus:
Schreiend, verwahrlost, stinkend, faulige Zähne. 
Schreiend: Immer mehr, immer lauter. Fast unerträglich.
Hilflos, tapsig und langsam Nähe suchend.

Belästigte Bürger:
Peinlich dieser Typ! Davor muss ich meine Kinder beschützen. Dass die Polizei den nicht einfach wegsperrt.
Fall nicht auf, Bartimäus. 
Stell deine Armut nicht so sehr in den Mittelpunkt. Es gibt nicht nur solche Schandflecke in unserer Stadt. Es gibt auch schönes! Dass soll der Rabbi Jesus sehen!

Jesus:
Zuhörend, Wach, mit offenen Augen und Ohren unterwegs.
Jesus nimmt Not wahr. Entscheidet sich, ihr zu begegnen und nicht bloss das Schöne und Erfolgreiche zu sehen.

Jünger:
Sie vermitteln, sie unterstützen. 
An dieser Stelle wissen sie, warum sie mit Jesus unterwegs sind und was sein Anliegen ist. 
(Letzten Sonntag war das noch anders mit der wirklich doofen Frage von Jakobus und Johannes: ‚Dürfen wir rechts und links in der Ewigkeit neben dir sitzen?)
Hier haben sie die Chance diese Dummheit wieder gut zu machen, nicht nur auf das eigene Seelenheil in der Ewigkeit zu schauen und sich dem zu stellen, der arm ist, der stinkt und von dem nichts zu erwarten ist.

Jesus:
Hört, dass der Blinde schreit: „Ich will wieder sehen!“.
Steht ganz nah vor ihm. Sieht und erkennt seine Ausweglosigkeit.
Sagt nicht: „Da kann man sowieso Nichts machen!“ und gibt ihm 50,- Cent.
Oder, wie es immer wieder in Einkaufsstrassen in ähnlichen Situationen zu hören ist: „Der soll erstmal arbeiten!“
Er fragt Bartimäus ganz einfach: 
„Was soll ich dir tun?“

Warum?
Ganz bestimmt nicht, weil Jesus ein ‚wahrnehmungsgestörter‘ Idealist ist.
Jesus handelt auch nicht einfach drauf los.
Jesus als Arzt gesteht dem Patienten Bartimäus nicht nur einen Gesprächsanteil von maximal 20% zu, weil er sowieso schon vorher weiss, was er zu tun hat.
Jesus handelt auch nicht ungefragt, weil er es doch
„Nur gut gemeint hat!“

Jesus 
fragt schlicht, was Bartimäus möchte.
Damit achtet er ihn als Person.
Damit reißt er ihn aus der üblichen Rolle heraus, als abge-stempelten Almosenempfänger.
Damit nimmt er ihn ernst.

Bartimäus
wird die Frage Jesu,
mit all ihren Facetten, nicht voll und ganz beantworten können.
Er hat vermutlich schon lange nicht mehr über sich selbst, seine Wünsche und seine Situation nachgedacht.
Wenn er hier schreit, dann wohl eher instinktiv.
Er hat sich mit seiner Rolle abgefunden,
erwartet vom Leben nichts mehr.
Außer, wie er die nächsten Stunden überhaupt überleben kann.

Nachdenken ist anstrengend.
Das merkt auch Bartimäus.
Darum stammelt er nur: „Ich möchte wieder sehen können.“

Ich wünsche uns mit diesem Evangelium:
Dass wir sehen. 
Dass wir wahrnehmen.
Und wenn wir zu wissen glauben, was denn zu tun ist:
Dass wir den anderen erst fragen.

Amen.

Kudamm ’56 + ’59: Was aus den Menschen raus kommt….

Gedanken zum Sonntag:

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Markus
In jener Zeit
hielten sich die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, bei Jesus auf.
Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen.
Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Hand voll Wasser die Hände gewaschen haben, wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt.
Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln.
Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also:
Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen?
Er antwortete ihnen:
Der Prophet Jesaja hatte Recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.
Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen.
Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen.
Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte:
Hört mir alle zu und begreift, was ich sage:
Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.
Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord,
Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft.
All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein.

Ansprache
Es ist sinnlos, wie sie mich verehren…

Ihr gebt Gottes Wort preis…

Was aus den Menschen heraus kommt, das macht ihn unrein…

Schwestern und Brüder,
es gibt Abende,
da ist man froh, dass es die Mediathek am Fernsehen gibt.
So war es in den letzten zwei Wochen bei mir.
Da gab es aufeinmal sechs Folgen, die ich bei der Ausstrahlung gar nicht wahrgenommen hatte.
Vielleicht haben Sie auch ‚Kudamm 56 + 59‘ gesehen.

Mich hat das berührt:
Weil da starke und mutige Soul Musik vorkommt,
die man Anfang der sechziger Jahre nicht in Deutschland vermutet hätte.
Weil diese Folgen beschreiben,
was Jesus im Evangelium – fast verzweifelt – versucht,
 den Menschen nahezulegen:

Es ist sinnlos, wie sie mich verehren …
Ihr gebt Gottes Wort preis…
Was aus den Menschen heraus kommt ist Unrein …

’Kudamm 56 und ’59:
Das ist gerade gut 10 Jahre vom Ende der Nazizeit entfernt
und findet keine fünf Jahre vor dem Mauerbau in Berlin statt.
Beiden Faktoren: 
Drittes Reich und der ‚real existierende Sozialismus‘ prägen den Hintergrund der ‚Kudamm’ – Folgen:

Die Tanzschule Galant, Mittelpunkt des Filmes, prominent am Kudamm gelegen, wurde der Familie Schöllack 1936 von den Nazis zugesprochen, früher gehörte sie Juden.
Der Musiker Freddie, in der Regel gut drauf und immer für eine verrückte Idee gut, hat als Einziger der Familie Donath das Konzentrationslager überlebt, die schrecklichen Erlebnisse scheinbar völlig verdrängt, bis sie ihn plötzlich gnadenlos einholen und er sich schwer tut, weiter zu leben.
Der alternde Regiesseur Kurt Moser, der in den ’60 Jahren mit der Produktion von Unterhaltungfilmen beschäftigt ist, trauert der ‚arischen Zeit‘ nach, in der er völkische Filme produzierte, die die Überlegenheit der deutschen Rasse beschreiben und diese zum Durchhalten motivierten.
Der Unterschied der Lebensbedingungen zwischen Ost- und Westberlin wird in den Jahren immer gravierender. 
Angefangen bei der hilflosen sozialistischen Unterweisung eines kleinen verstörten Jungen, dessen Mutter nicht dem Gesellschafts-Ideal entspricht, 
bis hin zur gnadenlosen Verhaftung eines homosexuellen Anwalts, der wegen Denunziation am Grenzübertritt nach Werstbertlin gehindert wird…

Nationalsozialismus und Sozialismus haben sich FAST überlebt.
Als sinnlos erwiesen…
Sie haben Gottes Wort preisgegeben…
Und was waren und sind die grauenhaften Folgen:
Was aus den Menschen dieser Systeme heraus kam und kommt bringt Tod und Verderben.

Die Klagen Jesu finden sich in den Chararkteren der Serie wieder:
Catharina Schöllak, Mutter von drei Schwestern, die sie allein aufzieht, hat 1936 die Tanzschule geerbt. 
Sie duldet keine Negermusik in ihren Räumen, weil sie befürchtet, dass sich am Ende ‚ alle wie die Tiere auf der Erde wälzen‘.
Ihr Hauptziel ist, dass ihre drei Töchter gut verheiratet werden: 
Liebe ordnet sie dem Status unter.
Für ihre jüngste Tochter Monika hat sie Verachtung und Ablehnung übrig, weil sie rebelliert, versucht zu leben, wie sie ist, sich nicht zu verstellen. Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit sind für sie entscheidend. Das drückt sie mit ihrer Musik aus und lässt sich nicht in Rollen hinein zwängen. Diese Haltung bereitet ihr viel Leid. Und trotzdem hilft Monika ihrer Mutter immer wieder.
Die älteste Tochter Helga heiratet einen homosexuellen Mann, der als Rechtsanwalt arbeitet und seine Veranlagung nicht unterdrücken kann, obwohl sie unter strafrechtlicher Verfolgung steht. 
Sie versucht ‚heile Welt’ darzustellen, sich als ‚perfekte Hausfrau‘ zu präsentieren, nötigt ihrer kleinen Schwester das unehelich geborene Kind ab, damit ihre Familie nach Außen als normal gilt.
Die mittlere Schwester Eva, Krankenschwester in der Psychiatrie, heiratet den krankhaft eifersüchtigen Chefarzt Dr. Fassbender. In der Nazizeit hat er als Assistenzarzt im Konzentrationslager an Menschen ‚geforscht‘. 
Er verbietet ihr den Führerschein, nötigt sie in eine Rolle, die ihr nicht entspricht…

Die Liste könnte weitergeführt werden…

Ist das Äußere wichtiger als das Innere?
Wie gehen wir mit Gottes Wort um?
Dient das, was aus uns heraus kommt, dem Leben?

Bleibt unser Herz dabei auf der Strecke?

Das wirft Jesus den Pharisäern vor.
Sie verlangen den Menschen Äußerlichkeit ab.
Religion wird zur Pflichtübung. Zum Abhaken von Äußerlichkeiten.

Über Äußerlichkeiten hinweg blicken.
Gesellschaftlichen Tabus hinterfragen, mitunter brechen.
Wie Jesus:
Er achtet auf das Innere, auf das, was vom Herzen kommt.

Entscheiden

Gedanken zum 22. Sonntag, Lesejahr B
zu: Jos 24, 1-2a.15-17.18b und Joh 6, 60-69

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes
In jener Zeit sagten viele der Jünger Jesu, die ihm zuhörten: Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?
Jesus erkannte, dass seine Jünger darüber murrten, und fragte sie: Daran nehmt ihr Anstoß?
Was werdet ihr sagen, wenn ihr den Menschensohn hinaufsteigen seht, dorthin, wo er vorher war?
Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben.
Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben. Jesus wusste nämlich von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde.
Und er sagte: Deshalb habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist.
Daraufhin zogen sich viele Jünger zurück und wanderten nicht mehr mit ihm umher.
Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt auch ihr weggehen?
Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.
Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes.

Entscheidungen wurden getroffen:

Von Petrus und den Aposten bei Jesus zu bleiben,
von Josua und seinem Haus Gott zugehörig zu sein.

Alternativlose Entscheidungen.
Diese Menschen haben ihre Erfahrungen gemacht,
die Entscheidung für Jesus und Gott ist für sie klar und fest,
nie und nimmer werden sie diese dem opfern, was kurzfristig als attraktiv erscheint. Und was fast alle machen.

Zu wem sollen wir gehen? Fragt Petrus stellvertretend. 
Das besagt alles.
Jesus / Gott ist keine Möglichkeit neben anderen Möglichkeiten,
Ihn suche ich mir nicht aus,
ihm muss ich mich nicht erklären, mich nicht vorstellen.

Wenn wir das wissen und mit unserem Kommen zeigen,
wie unsere Grundentscheidung ist,
heißt dass noch lange nicht, dass wir in allen Situationen uns immer wieder so entscheiden.
Manchmal scheint es peinlich zu sein – oder man setzt sich der Gefahr aus, aufzufallen und als ‚komisch‘ zu gelten.
Da hatten es die Menschen der Bibel vielleicht einfacher,
ihr Leben war überschaubarer,
die Möglichkeiten zwischen denen sie wählen konnten geringer.

Entscheidungen:
Manchmal regen sie mich auf:
Wenn ein Dreijähriger entscheiden soll, ob die Familie rechts oder links um den Teich laufen soll; 
wenn jemandem vorgegaukelt wird, er könne entscheiden – aber im Grunde steht schon alles fest;
wenn ich an meine Schwester denke, die Stunden damit verbringen konnte zu überlegen, was sie denn wohl anziehen solle…

Es gibt Menschen, die Zeit ihres Lebens für andere sichere Entscheidungen getroffen haben, aber wenn sie selber betroffen sind, sieht die Welt ganz anders aus!
Mitunter müssen weitreichende Entscheidungen in sehr kurzer Zeit gefällt werden. 
In Notfällen kann das wichtig sein,
aber in den meisten Fällen ist Zeit da, auch wenn sie meist aus wirtschaftlichen Gründen dem Entscheider nicht zugestanden wird.

Im Krankenhaus zum Beispiel. 
Da können gar keine Eingriffe ohne die Zustimmung des Betroffenen oder des Bevollmächtigten erfolgen. (Wenn kein Notfall vorliegt.)

Wie können wir tragfähige Entscheidungen fällen?

Das erste ist das Wahrnehmen der Entscheidung.
Bei den Aposteln und Josua lag es klar auf der Hand, 
was sie zu entscheiden hatten. Aber das ist nicht immer so. 
Manchmal gibt es das unbestimmte Gefühl, dass irgendetwas an der Entscheidungssituation nicht stimmt. 
Bevor Sie sich festlegen, klären Sie das!

Bereiten Sie ihre Entscheungen gut vor.
Überlegen Sie, was Sie eigentlich genau entscheiden müssen, 
wie die Entscheidungsfrage heißt.
Gibt es Alternativen? 
Was sind Ihre Handlungsmöglichkeiten? 
Gibt es Dinge, die Sie kurzfristig entscheiden können und andere, 
die mehr Zeit brauchen?
Passen die Entscheidungen zu Ihrem Leben und zu ihren Zielen?

Mit Kriterien abwägen.
Was ist Ihr erster Impuls? 
Was sagt Ihr Bauchgefühl?
Steht die Entscheidung in Übereinstimmung mit Ihren Grundwerten?
Wem nützt sie?
Gibt es Pro- und Kontraargumente?
Bekommen Sie durch das Ergenbis neue Energie?
Sind Sie sich selber gegenüber ehrlich – oder schieben Sie etwas vor? Meinen Sie ‚etwas machen zu müssen‘?

Versetzen Sie sich in die Handlungsmöglichkeiten.
Gibt es Ergebnisse, die klar herausfallen, 
die Ihnen keinen Frieden geben? 
Oder umgekehrt: Bei welchem Ergebnis fühlen Sie sich wohl, was spricht Ihnen aus dem Herzen?

Wenn Sie so weit sind, dann schlafen Sie eine Nacht darüber. 
Legen Sie sich nicht vorschnell fest.

Durchdenken Sie am nächsten Tag die Situation noch einmal 
und legen Sie sich fest. 
Treffen Sie die Entscheidung entschlossen. 
Und fragen Sie sich, nach einiger Zeit, welche Auswirkung die Entscheidung hatte.

Liebe Schwestern und Brüder,
die Jünger die Jesus verlassen hatten, wollten sich ein Hintertürchen offenlassen. 
Sie wollten sich ihren Jesus so zurechtbiegen, dass er in ihr Leben passt. Dass Sie sich nicht verändern müssen.

Jesus verschärft diese Situation noch. 
Er kämpft nicht um sie, will sie unter allen Umständen halten. 
Im Gegenteil: Er sagt: ‚Daran nehmt Ihr Anstoss‘?
Was wird erst geschehen, wenn sie tieferen Einblick erhalten?

Was wird mit uns geschehen?

Weisheit: Salomon, Sokrates …

Gedanken zum 20. Sonntag im Lesejahr B
Sprichwörter 9,1-6

Lesung aus dem Buch der Sprichwörter
Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, ihre sieben Säulen behauen.
Sie hat ihr Vieh geschlachtet, ihren Wein gemischt und schon ihren Tisch gedeckt.
Sie hat ihre Mägde ausgesandt und lädt ein auf der Höhe der Stadtburg:
Wer unerfahren ist, kehre hier ein. Zum Unwissenden sagt sie:
Kommt, esst von meinem Mahl, und trinkt vom Wein, den ich mischte.
Lasst ab von der Torheit, dann bleibt ihr am Leben, und geht auf dem Weg der Einsicht!

Was verbinden Sie mit Weisheit?

Mir fallen dazu antike Denker ein.
Vor allem Sokrates, der ungefähr 400 Jahre vor Christus lebte.

Er meint, ein Leben ohne ‚Selbsterforschung‘ sei nicht lebenswert.
Ein gutes Leben kann nur führen, wer herausfindet, was „Gut“ und „Böse“ ist.
Da das ‚absolute Begriffe‘ sind, kann jeder sie durch Fragestellungen herausfinden.

Sokrates begründet die „Dialektische Methode“ –
ein Gespräch zwischen ‚Spruch und Widerspruch‘.
Dabei hinterfagt er die gebenen Werte und zeigt keinen Respekt vor feststehenden Überzeugungen.
Er ist davon überzeugt, dass nicht das Wissen, sondern das Fragen bedeutsam ist.
Und die Erkenntnis: „ich weiss, dass ich nichts weiss!“

Ein Gepräch, von ihm geführt könnte so lauten:
Skeptiker: „Du denkst, die Götter wissen alles?“
Anderer: „Ja, denn sie sind Götter!“
Skeptiker: „Widersprechen manche Götter einander nicht?“
Anderer: „Natürlich tun sie das. Sie streiten unentwegt!“

Skeptiker: „Sie streiten auch über das, was wahr und richtig ist?“
Anderer: „Ich denke schon!“
Skeptiker: „So können sich die Götter bisweilen irren?“
Anderer: „Ich denke, das ist wahr.“
Skeptiker: „Also können die Götter gar nicht alles wissen!“

Für solche Methoden wurde er genötigt,
den Schierlingsbecher zu trinken und in den Tod zu gehen.

Da haben die Monotheisten es einfacher,
denn es gibt keine streitenden Götter.
Nur einen.
Dafür streitende Menschen.
Weise ist, wenn sie so argumentieren, wie es Sokrates vorgegeben hat.

Weisheit:
Ist der zentrale Begriff der Lesung heute.
In der Spruchsammlung des Königs Salomo,
der von ca. 970 – 931 vor Christus regierte, finden sich zu jeder Lebenslage Anregungen: Im Umgang mit Alkohol, Frauen, törichten und weisen Menschen.

Das Buch der Könige berichtet,
dass er zu Beginn seiner Amtszeit im Traum einen Wunsch von Gott frei hatte:
Salomo wünschte sich Weisheit.
Und die macht ihn berühmt und seine Regierungszeit erfolgreich.
Er baut den Tempel,
verfasst literarische Werke (zwei davon finden den Eingang in die Bibel),
befestigt Jerusalem,
unterhält ausgezeichnete Handelsverbindungen mit den Nachbarstaaten
und ist als Gesprächspartner begehrt:
Die sagenumwobene Königin von Saba sucht ihn auf,
um seine Weisheit kennenzulernen.
Nicht nur im Großen handelt er, sondern vor allem im Kleinen:
Da wo es darauf ankommt, tritt er als gerechter Richter auf.

Was ist nach Salomos Vorstellung Weisheit?
Sie handelt. Ist nicht passiv.
Sie baut „ihr Haus“, schafft einen Ort, von dem aus sie handeln kann.
Dieser Ort ist ästhetisch und beeindruckend:
Sie „behaut ihre sieben Säulen“.
Alle Details sind sorgfältig aufeinander abgestimmt.
Nichts wird dem Zufall überlassen.
Die Rahmenbedingungen sind stimmig und können von allen,
die dort streiten, akzeptiert werden.

Weisheit lädt ein:
Sie „schlachtet Vieh“, „mischt Wein“, „deckt den Tisch“ und „sendet Mägde aus“.
Ihr Ort ist nicht ihr alleiniges Zuhause zu dem niemand Zutritt hat.
Sie lässt andere daran teilhaben.
Sie weiß, dass Essen an ihrem Ort mehr ist als bloße Nahrungsaufnahme.
Sie schafft einen Rahmen, indem Begegnungen geschehen können,
Lösungen gefunden werden.

Wo ist ihr Ort?
„Die Höhe der Stadtburg“!
Nicht in irgendwelche verworrene Niederungen lädt sie ein.
An „der Höhe“ kann man sich orientieren, sie ist richtungsweisend und herausragend.
Sie macht sich nicht gemein mit dem, was alle tun, oder meinen tun zu müssen,
sie zeigt deutliches Profil.

Weisheit umgibt sich nicht mit Ihresgleichen,
sondern wendet sich an Unerfahrene und Unwissende.
Von diesen hat sie im Grunde nicht viel zu erwarten!
Selbstlos lässt sie andere teilhaben an ihrem Leben.
Und sie nötigt niemandem ihre Weisheit auf sondern lädt ein,
den Weg der Einsicht zu gehen.
Den Weg der Einsicht ist das Leben.

Was haben wir von Sokrates und Salomon?
Weisheit heute hat viele Namen und Gesichter.
Manchmal meint man, die Weisheit des Alters nicht viel gelte.
Und das Weisheit reserviert sei für Philosophen und professionelle Denker.

Quatsch!
Es gibt Alltagsweisheit:
Ein weiser Entschluss des Einzelnen;
ein Rat, der vor Schaden bewahrt und die Erkenntnis,
dass jeder seine Weisheit selber erwerben muss.

Wie Sokrates es wusste.
Oder der chinesische Philosoph Meng-zi vor 2300 Jahren:
„Der Weise ist wie ein Bogenschütze. Dieser nimmt zuerst die richtige Stellung ein und schnellt dann den Pfeil ab. Wenn er trotzdem nicht das Ziel erreich, so gibt er nicht den anderen die Schuld, sondern sucht den Fehler bei sich.“

Entscheiden und Handeln: Gedanken zum 18.Sonntag im Jahreskreis

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes
In jener Zeit ging Jesus an das andere Ufer des Sees von Galiläa, der auch See von Tiberias heißt.
Eine große Menschenmenge folgte ihm, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.
Jesus stieg auf den Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern nieder.
Das Pascha, das Fest der Juden, war nahe.
Als Jesus aufblickte und sah, dass so viele Menschen zu ihm kamen, fragte er Philippus:
Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?
Das sagte er aber nur, um ihn auf die Probe zu stellen;
denn er selbst wusste, was er tun wollte.
Philippus antwortete ihm:
Brot für zweihundert Denare reicht nicht aus, wenn jeder von ihnen auch nur ein kleines Stück bekommen soll.
Einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus, sagte zu ihm:
Hier ist ein kleiner Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; doch was ist das für so viele!
Jesus sagte:
Lasst die Leute sich setzen! Es gab dort nämlich viel Gras.
Da setzten sie sich; es waren etwa fünftausend Männer.
Dann nahm Jesus die Brote, sprach das Dankgebet und teilte an die Leute aus, so viel sie wollten;
ebenso machte er es mit den Fischen.
Als die Menge satt war, sagte er zu seinen Jüngern:
Sammelt die übrig gebliebenen Brotstücke, damit nichts verdirbt.
Sie sammelten und füllten zwölf Körbe mit den Stücken, die von den fünf Gerstenbroten nach dem Essen übrig waren.
Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll.
Da erkannte Jesus, dass sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen.
Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein.

Wenn man Bahn fährt,
kann man Überraschungen erleben.
Seit einem halben Jahr bin ich dabei und kann sagen:
Zu circa 60 -70% klappt alles wie es sein soll.
Spannend sind die anderen 30 – 40 %.

Das fängt bei der Information an.
Oft stehen Züge auf der Infotafel, die schon weg sind.
Man kommt abgehetzt zum Bahnhof und hat die Hoffnung: 
„Das schaffe ich noch!“. Hechelt bei diesen Temperaturen siffige Treppen hoch und stellt fest: „War nichts!“
Oder unzählige Verspätungen.
Oder Halt auf freier Strecke und keiner weiss, was passiert.
Schienenersatzverkehr ist auch eine spezielle Erfahrung.
Schulbusse, gefühlt aus Zeiten, wo ich selbst noch zur Schule ging, donnern durch enge und kurvige Straßen, sind schrecklich laut…
Oder man glaubt, man habe ein gültiges Ticket – aber Pustekuchen!
Fahrpreisnacherhebung. Mit 14-tägiger Einspruchsfrist…

Bei all dem Ärger:
Ich glaube, es ist besser Bahn zu fahren,
als den Individualverkehr zu fördern,
als auf der A 2 im Stau zu stehen,
als in Dortmund eine halbe Stunde vor dem Parkhaus zu warten.
Zu ca. 65 % passt es ja…
Und ich weiss, dass so ein komplexes System Bundesbahn mit vielen Unwägbarkeiten störanfällig ist.

Ich bin froh für die getroffene Entscheidung gegen das Auto,
die mir und vermutlich der Umwelt mehr Nutzen bringt als Schaden.

Nicht immer sind Entscheidungen so einfach.
Manchmal haben wir nur die Möglichkeit zwischen ‚Pest‘ und ‚Cholera‘.
Was immer ich tue:
Es hat keinen Nutzen oder schlimmer: Es endet in einer Katastrophe.
Bestimmt fallen Ihnen Beispiele ein…

Ethik versucht diese Dilemmata auf den Punkt zu bringen indem sie z.B. folgende Situation vor Augen stellt:

„Stellen Sie sich vor, Sie sind Weichensteller bei der Strassenbahn.
Eigentlich ein gut zu meisternder Beruf. Aber an diesem Tag kommt ihrer Weiche, auf abschüssiger Strecke, eine Bahn entgegen, die nicht bremsen kann.
Verstellen Sie die Weiche nicht, rast sie in eine Gruppe von fünf Gleisarbeitern die in die andere Richtung schauen und Hörschutz tragen. Sie werden keine Chance haben.
Wenn Sie die Bahn auf das Nebengleis lenken, wird ihr schwerhöriger Sohn, der gedankenverloren auf dem äußerst selten genutzten Gleis spielt, überfahren. Was tun Sie?“

Wenn wir uns in solchen ‚Einsamsten Situationen der Welt‘ befinden –
wo finden wir Antworten?
Was ist richtig, was ist falsch?
Sollen wir wegrennen, weil uns die Entscheidung überfordert?

Jesus ist im heutigen Evangelium in einer ähnlichen Situation.

Einsame Gegend, weitab von irgendwelcher Infrastruktur.
Überforderte Menschen sind zu ihm gekommen, 
‚Schafe, die keinen Hirten haben’.
Sie kleben an seinen Lippen. In ihrer auf ihn fixierten Hoffnung haben sie den Sinn für die Alltagsrealität aus den Augen verloren.
Überforderte Jünger, die über mangelnde Geldvorräte nörgeln, und nur einen kleinen Jungen mit fünf Broten und zwei Fischen auftreiben.
Da liegt es doch nahe, sich aus der Affäre zu ziehen!

Jesus handelt anders.
Er kennt die unzähligen persönlichen Dilemmata, die Menschen bedrücken.
Er gönnt ihnen die Stunde des Aufatmens.
Er weiß, dass er auf die meisten ihrer Fragen keine konkreten Antworten geben kann.

Und dann er handelt auf das Problem hin, dass alle haben. 
Dass sie verbindet.
Und dass sie – vermutlich – zufrieden den Weg nach Hause zurück gehen lässt.

Wenn wir das Evangelium so deuten, dass nicht die Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden, dann handelt Jesus vielleicht so:

Nicht: „Jeder soll sich selber helfen!“
Und er gibt sich auch nicht mit der Lösung der Jünger zufrieden.
Handelt nicht schnell. Wendet nicht die erst beste Lösung an.
Schaut genau hin. Übernimmt Verantwortung. Sagt was zu tun ist. Ermöglicht Gemeinschaft.
Das, was die Menschen vielleicht doch dabei hatten, wird miteinander geteilt.
Und wenn es nichts ist, dann ist doch die Stimmung so, dass der Hunger vergessen wird…
Das Gutes im Übermaß bleibt.

Aber löst Jesus das Dilemma?
Nicht ganz.
Denn die Menschen haben nichts verstanden.
Sie wollen ihn zu ihrem Partikularkönig, ihrem Brötchenkönig machen.
Sie wollen ihn in ihr Sytem einordnen.
Aber das ist nicht sein Weg.
Der führt ihn auf einen einsamen Berg.

Seine Berg-Antwort auf die großen Fragen, denen wir ausgesetzt sind lautet vielleicht:
„Schottet euch nicht ab.“
„Schlagt euch nicht alleine durch.“
„Sucht nicht euren eigenen Vorteil.“
„Teilt – und alle werden satt.“

(Foto von Christa Hennecke)