Maria und Josef und die Anpassungsscham – Adam und Eva und die persönliche Scham

Gedanken zu den biblischen Texten des 10. Sonntags im Lesejahr B:

Genesis 3,9-15 und Markus 3,20-35

Salman Rushdie bezeichnet die Scham als ein Fass, das überquillt.
Wenn zuviel Scham da ist, läuft der Becher über…

So lange hat sich die Familie Jesu ‚ihren Sohn‘ geschämt.

Schon als Kind war er anders als die anderen.
12 Jahre alt bleibt er allein in Jerusalem zurück. Maria und Josef merken, dass nicht allein Sie als Eltern wichtig sind. Es gibt eine Macht, die ihn fasziniert und die ihn gegen alle Regeln handeln lässt. Er lässt die Beiden einfach stehen und geht in den Tempel.
Am Ende ist er wieder brav – aber es gibt einen Riss,
ihre Rolle als Eltern ist durcheinander geraten.

Die Taufe im Jordan bei seinem Cousin Johannes.
‚Der Himmel soll sich dabei geöffnet haben‘,
irgendwie komisch!
Gerade Jesus soll ‚Gottes geliebter Sohn‘ sein???
Das heißt doch: ‚Besser als alle anderen‘.
Sie wollen als Familie doch nur ihre Ruhe, nicht auffallen, ordentlich ihren Dingen nachgehen und plötzlich haben sie einen Sohn, der derart Herausgehoben wird.
Ihr Einfluss schwindet immer mehr, die Nachbarn beginnen zu tuscheln…

Er geht über einen Monat lang in die Wüste:
Kein schöner Ort:
Riesige Temperatuschwankungen, stechende Sonne, absolute Einsamkeit, keine vernünftige Ernährung:
Ein extremer Überlebenskünstler, ihr Jesus.
Mit Visionen:
Begegnet dem Teufel, der ihn angeblich ‚zum Herrscher der Welt‘ machen will, wenn er denn die absolute Herrschaft des Satans anerkenne…
Hätte er es mal besser gemacht, denken sie,
und dann hätte er seine Macht eingesetzt:
Für seine Familie, für sein Volk:
Hätte die Römer vertrieben, Nationalstolz und Würde wieder hergestellt.
Das wäre ein Grund gewesen, auf ihn stolz zu sein!
Natürlich hat er das eben nicht gemacht,
ist einen anderen, peinlich-passiven Weg gegangen.
Immer ausgeliefert den Menschen, die ihm in die Quere kommen.
Für die macht er alles – aber für seine Familie?

Er kommt nicht nach Hause,
schläft lieber wie ein Obdachloser irgendwo draußen.
Schwingt er Reden:
‚Vom Lästern des Heiligen Geistes und der ewigen Verdammnis‘…

Sein Fanclub ist da, umringt ihn, ist begeistert…
Vermutlich hat er jeden Realitätssinn verloren!
Es ist nicht zum Aushalten, sie müssen endlich etwas unternehmen, ihn zur Vernunft bringen, ihn nach Hause holen…
Endlich wieder Ruhe haben.
Endlich nicht mehr im Focus stehen.
Endlich nicht mehr Spott der Nachbarn sein.
Normal leben…

Was die Ursprungsfamilie Jesu vielleicht mit ihm erlebt hat,
hat viele äußere Reaktionen hervorgerufen.
Jesus wollte sich nicht Anpassen.
Es gibt die Anspassungsscham:
Jemand verhält sich nicht so, wie er soll,
fällt aus der für ihn vorgesehenen Rolle,
achtet nicht die moralischen Vorstellungen die sein Lebensumfeld prägen,
handelt autonom, wird nicht verstanden.

Dann fällt das auf die Familie zurück:
‚Die sind Schuld!’
‚Die haben ‚Ihn‘ nicht im Griff!‘
‚Mit denen wollen wir nichts mehr zu tun haben‘ …

Und bei Adam und Eva,
entdecken wir eine persönliche Scham.
Gegen das Gute handeln.
Gegen Gottes Gebot. Obwohl es so einfach ist.
Dem Guten, dass ihnen das Leben schenkt, nicht vertrauen.
Auf irgendwelche ‚Kriechtiere‘ hören.
Die schnelle Befriedigung anstreben, den ‚Apfel‘ essen, …
Der Bauch ist näher als der Verstand.
Keine langfristigen Erwägungen, nicht jetzt,  – „viel zu anstrengend!“
Gedankenloses, selbstbezognes Leben im ‚Hier‘.
Es wird schon ‚irgendwie gut gehen‘.

Dann merken, das NICHTS gut ist.
Das man sich das Wichtigste selber zerstört.
Angst macht sich breit.
Merken, dass man nackt ist, sich schämt.
Persönliche Scham, die pathologische Züge annimmt.

Scham, die nicht nur das konkrete Leben so negativ macht, sonden über Generationen wirkt. Das Handeln der Kinder, Enkelkinder und nachfolgenden Generationen beeinflußt.
‚Mit mir stimmt etwas nicht.‘
‚Ich bin nicht Richtig.’
‚Ich bin peinlich.‘
‚Keiner darf davon etwas mitkriegen‘ …
Sind Sätze, die von Scham geprägt sind.

Die Konsequenz für Adams ‚Apfelaktion‘ bleibt. Immer.
Wer davon weiss, hält den Menschen, den Täter, klein.
Stellt Forderungen, erpresst – oder entwickelt theologische Denkstrukturen, die beim Menschen ähnliches bewirken.

Die Texte heute laden uns ein, ‚ganz Mensch zu sein’.

Scham gehört auch dazu,
sie hat auch positive Seiten, 
sie ‚verteidigt die menschliche Würde‘. (Leo Wurmser)

Immer wieder über die Scham nachdenken,
das in den Blick nehmen, worüber ich mich schäme.

Und leben und handeln nach Jesu Wort:
‚Nicht mit sich selber im Streit liegen‘,
‚Bestand haben‘,
langfristig planen,
Gottes Willen tun.

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