Entscheiden und Handeln: Gedanken zum 18.Sonntag im Jahreskreis

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes
In jener Zeit ging Jesus an das andere Ufer des Sees von Galiläa, der auch See von Tiberias heißt.
Eine große Menschenmenge folgte ihm, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.
Jesus stieg auf den Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern nieder.
Das Pascha, das Fest der Juden, war nahe.
Als Jesus aufblickte und sah, dass so viele Menschen zu ihm kamen, fragte er Philippus:
Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?
Das sagte er aber nur, um ihn auf die Probe zu stellen;
denn er selbst wusste, was er tun wollte.
Philippus antwortete ihm:
Brot für zweihundert Denare reicht nicht aus, wenn jeder von ihnen auch nur ein kleines Stück bekommen soll.
Einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus, sagte zu ihm:
Hier ist ein kleiner Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; doch was ist das für so viele!
Jesus sagte:
Lasst die Leute sich setzen! Es gab dort nämlich viel Gras.
Da setzten sie sich; es waren etwa fünftausend Männer.
Dann nahm Jesus die Brote, sprach das Dankgebet und teilte an die Leute aus, so viel sie wollten;
ebenso machte er es mit den Fischen.
Als die Menge satt war, sagte er zu seinen Jüngern:
Sammelt die übrig gebliebenen Brotstücke, damit nichts verdirbt.
Sie sammelten und füllten zwölf Körbe mit den Stücken, die von den fünf Gerstenbroten nach dem Essen übrig waren.
Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll.
Da erkannte Jesus, dass sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen.
Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein.

Wenn man Bahn fährt,
kann man Überraschungen erleben.
Seit einem halben Jahr bin ich dabei und kann sagen:
Zu circa 60 -70% klappt alles wie es sein soll.
Spannend sind die anderen 30 – 40 %.

Das fängt bei der Information an.
Oft stehen Züge auf der Infotafel, die schon weg sind.
Man kommt abgehetzt zum Bahnhof und hat die Hoffnung: 
„Das schaffe ich noch!“. Hechelt bei diesen Temperaturen siffige Treppen hoch und stellt fest: „War nichts!“
Oder unzählige Verspätungen.
Oder Halt auf freier Strecke und keiner weiss, was passiert.
Schienenersatzverkehr ist auch eine spezielle Erfahrung.
Schulbusse, gefühlt aus Zeiten, wo ich selbst noch zur Schule ging, donnern durch enge und kurvige Straßen, sind schrecklich laut…
Oder man glaubt, man habe ein gültiges Ticket – aber Pustekuchen!
Fahrpreisnacherhebung. Mit 14-tägiger Einspruchsfrist…

Bei all dem Ärger:
Ich glaube, es ist besser Bahn zu fahren,
als den Individualverkehr zu fördern,
als auf der A 2 im Stau zu stehen,
als in Dortmund eine halbe Stunde vor dem Parkhaus zu warten.
Zu ca. 65 % passt es ja…
Und ich weiss, dass so ein komplexes System Bundesbahn mit vielen Unwägbarkeiten störanfällig ist.

Ich bin froh für die getroffene Entscheidung gegen das Auto,
die mir und vermutlich der Umwelt mehr Nutzen bringt als Schaden.

Nicht immer sind Entscheidungen so einfach.
Manchmal haben wir nur die Möglichkeit zwischen ‚Pest‘ und ‚Cholera‘.
Was immer ich tue:
Es hat keinen Nutzen oder schlimmer: Es endet in einer Katastrophe.
Bestimmt fallen Ihnen Beispiele ein…

Ethik versucht diese Dilemmata auf den Punkt zu bringen indem sie z.B. folgende Situation vor Augen stellt:

„Stellen Sie sich vor, Sie sind Weichensteller bei der Strassenbahn.
Eigentlich ein gut zu meisternder Beruf. Aber an diesem Tag kommt ihrer Weiche, auf abschüssiger Strecke, eine Bahn entgegen, die nicht bremsen kann.
Verstellen Sie die Weiche nicht, rast sie in eine Gruppe von fünf Gleisarbeitern die in die andere Richtung schauen und Hörschutz tragen. Sie werden keine Chance haben.
Wenn Sie die Bahn auf das Nebengleis lenken, wird ihr schwerhöriger Sohn, der gedankenverloren auf dem äußerst selten genutzten Gleis spielt, überfahren. Was tun Sie?“

Wenn wir uns in solchen ‚Einsamsten Situationen der Welt‘ befinden –
wo finden wir Antworten?
Was ist richtig, was ist falsch?
Sollen wir wegrennen, weil uns die Entscheidung überfordert?

Jesus ist im heutigen Evangelium in einer ähnlichen Situation.

Einsame Gegend, weitab von irgendwelcher Infrastruktur.
Überforderte Menschen sind zu ihm gekommen, 
‚Schafe, die keinen Hirten haben’.
Sie kleben an seinen Lippen. In ihrer auf ihn fixierten Hoffnung haben sie den Sinn für die Alltagsrealität aus den Augen verloren.
Überforderte Jünger, die über mangelnde Geldvorräte nörgeln, und nur einen kleinen Jungen mit fünf Broten und zwei Fischen auftreiben.
Da liegt es doch nahe, sich aus der Affäre zu ziehen!

Jesus handelt anders.
Er kennt die unzähligen persönlichen Dilemmata, die Menschen bedrücken.
Er gönnt ihnen die Stunde des Aufatmens.
Er weiß, dass er auf die meisten ihrer Fragen keine konkreten Antworten geben kann.

Und dann er handelt auf das Problem hin, dass alle haben. 
Dass sie verbindet.
Und dass sie – vermutlich – zufrieden den Weg nach Hause zurück gehen lässt.

Wenn wir das Evangelium so deuten, dass nicht die Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden, dann handelt Jesus vielleicht so:

Nicht: „Jeder soll sich selber helfen!“
Und er gibt sich auch nicht mit der Lösung der Jünger zufrieden.
Handelt nicht schnell. Wendet nicht die erst beste Lösung an.
Schaut genau hin. Übernimmt Verantwortung. Sagt was zu tun ist. Ermöglicht Gemeinschaft.
Das, was die Menschen vielleicht doch dabei hatten, wird miteinander geteilt.
Und wenn es nichts ist, dann ist doch die Stimmung so, dass der Hunger vergessen wird…
Das Gutes im Übermaß bleibt.

Aber löst Jesus das Dilemma?
Nicht ganz.
Denn die Menschen haben nichts verstanden.
Sie wollen ihn zu ihrem Partikularkönig, ihrem Brötchenkönig machen.
Sie wollen ihn in ihr Sytem einordnen.
Aber das ist nicht sein Weg.
Der führt ihn auf einen einsamen Berg.

Seine Berg-Antwort auf die großen Fragen, denen wir ausgesetzt sind lautet vielleicht:
„Schottet euch nicht ab.“
„Schlagt euch nicht alleine durch.“
„Sucht nicht euren eigenen Vorteil.“
„Teilt – und alle werden satt.“

(Foto von Christa Hennecke)

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