Bartimäus: Gedanken zum 30. Sonntag

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Markus
In jener Zeit
als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus.
Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!
Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!
Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.
Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu.
Und Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können.
Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.

Bibeltexte
sind treffend für das alltägliche Leben und die Arbeit.
Die Bartimäusgeschichte ist ein Paradebeispiel dafür.
In dieser Erzählung sind die wichtigsten Grundgedanken der modernen Ethik grundgelegt.
Thema ist: Selbstbestimmung – Autonomie.

Ganze Jahrgänge von Krankenpflegeschülerinnen und Schülern mussten sich in meinem Ethik-Unterricht mit diesem Text ausseinadersetzen.
Die entscheidende Fragestellung an sie war:
‚Ist Jesus doof?‘

Warum?
Vermutlich würden 90% der hier Anwesenden sagen:
‚So eine Frage kann man doch nicht stellen, das ist despektierlich!Jesus ist doch Gottes Sohn und kann niemals ernsthaft als
‚doof‘ bezeichnet werden.

Gehen wir diesen Text noch einmal durch:

Blinder Bettler Bartimäus:
Schreiend, verwahrlost, stinkend, faulige Zähne. 
Schreiend: Immer mehr, immer lauter. Fast unerträglich.
Hilflos, tapsig und langsam Nähe suchend.

Belästigte Bürger:
Peinlich dieser Typ! Davor muss ich meine Kinder beschützen. Dass die Polizei den nicht einfach wegsperrt.
Fall nicht auf, Bartimäus. 
Stell deine Armut nicht so sehr in den Mittelpunkt. Es gibt nicht nur solche Schandflecke in unserer Stadt. Es gibt auch schönes! Dass soll der Rabbi Jesus sehen!

Jesus:
Zuhörend, Wach, mit offenen Augen und Ohren unterwegs.
Jesus nimmt Not wahr. Entscheidet sich, ihr zu begegnen und nicht bloss das Schöne und Erfolgreiche zu sehen.

Jünger:
Sie vermitteln, sie unterstützen. 
An dieser Stelle wissen sie, warum sie mit Jesus unterwegs sind und was sein Anliegen ist. 
(Letzten Sonntag war das noch anders mit der wirklich doofen Frage von Jakobus und Johannes: ‚Dürfen wir rechts und links in der Ewigkeit neben dir sitzen?)
Hier haben sie die Chance diese Dummheit wieder gut zu machen, nicht nur auf das eigene Seelenheil in der Ewigkeit zu schauen und sich dem zu stellen, der arm ist, der stinkt und von dem nichts zu erwarten ist.

Jesus:
Hört, dass der Blinde schreit: „Ich will wieder sehen!“.
Steht ganz nah vor ihm. Sieht und erkennt seine Ausweglosigkeit.
Sagt nicht: „Da kann man sowieso Nichts machen!“ und gibt ihm 50,- Cent.
Oder, wie es immer wieder in Einkaufsstrassen in ähnlichen Situationen zu hören ist: „Der soll erstmal arbeiten!“
Er fragt Bartimäus ganz einfach: 
„Was soll ich dir tun?“

Warum?
Ganz bestimmt nicht, weil Jesus ein ‚wahrnehmungsgestörter‘ Idealist ist.
Jesus handelt auch nicht einfach drauf los.
Jesus als Arzt gesteht dem Patienten Bartimäus nicht nur einen Gesprächsanteil von maximal 20% zu, weil er sowieso schon vorher weiss, was er zu tun hat.
Jesus handelt auch nicht ungefragt, weil er es doch
„Nur gut gemeint hat!“

Jesus 
fragt schlicht, was Bartimäus möchte.
Damit achtet er ihn als Person.
Damit reißt er ihn aus der üblichen Rolle heraus, als abge-stempelten Almosenempfänger.
Damit nimmt er ihn ernst.

Bartimäus
wird die Frage Jesu,
mit all ihren Facetten, nicht voll und ganz beantworten können.
Er hat vermutlich schon lange nicht mehr über sich selbst, seine Wünsche und seine Situation nachgedacht.
Wenn er hier schreit, dann wohl eher instinktiv.
Er hat sich mit seiner Rolle abgefunden,
erwartet vom Leben nichts mehr.
Außer, wie er die nächsten Stunden überhaupt überleben kann.

Nachdenken ist anstrengend.
Das merkt auch Bartimäus.
Darum stammelt er nur: „Ich möchte wieder sehen können.“

Ich wünsche uns mit diesem Evangelium:
Dass wir sehen. 
Dass wir wahrnehmen.
Und wenn wir zu wissen glauben, was denn zu tun ist:
Dass wir den anderen erst fragen.

Amen.

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