Entscheiden und Handeln: Gedanken zum 18.Sonntag im Jahreskreis

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes
In jener Zeit ging Jesus an das andere Ufer des Sees von Galiläa, der auch See von Tiberias heißt.
Eine große Menschenmenge folgte ihm, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.
Jesus stieg auf den Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern nieder.
Das Pascha, das Fest der Juden, war nahe.
Als Jesus aufblickte und sah, dass so viele Menschen zu ihm kamen, fragte er Philippus:
Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?
Das sagte er aber nur, um ihn auf die Probe zu stellen;
denn er selbst wusste, was er tun wollte.
Philippus antwortete ihm:
Brot für zweihundert Denare reicht nicht aus, wenn jeder von ihnen auch nur ein kleines Stück bekommen soll.
Einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus, sagte zu ihm:
Hier ist ein kleiner Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; doch was ist das für so viele!
Jesus sagte:
Lasst die Leute sich setzen! Es gab dort nämlich viel Gras.
Da setzten sie sich; es waren etwa fünftausend Männer.
Dann nahm Jesus die Brote, sprach das Dankgebet und teilte an die Leute aus, so viel sie wollten;
ebenso machte er es mit den Fischen.
Als die Menge satt war, sagte er zu seinen Jüngern:
Sammelt die übrig gebliebenen Brotstücke, damit nichts verdirbt.
Sie sammelten und füllten zwölf Körbe mit den Stücken, die von den fünf Gerstenbroten nach dem Essen übrig waren.
Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll.
Da erkannte Jesus, dass sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen.
Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein.

Wenn man Bahn fährt,
kann man Überraschungen erleben.
Seit einem halben Jahr bin ich dabei und kann sagen:
Zu circa 60 -70% klappt alles wie es sein soll.
Spannend sind die anderen 30 – 40 %.

Das fängt bei der Information an.
Oft stehen Züge auf der Infotafel, die schon weg sind.
Man kommt abgehetzt zum Bahnhof und hat die Hoffnung: 
„Das schaffe ich noch!“. Hechelt bei diesen Temperaturen siffige Treppen hoch und stellt fest: „War nichts!“
Oder unzählige Verspätungen.
Oder Halt auf freier Strecke und keiner weiss, was passiert.
Schienenersatzverkehr ist auch eine spezielle Erfahrung.
Schulbusse, gefühlt aus Zeiten, wo ich selbst noch zur Schule ging, donnern durch enge und kurvige Straßen, sind schrecklich laut…
Oder man glaubt, man habe ein gültiges Ticket – aber Pustekuchen!
Fahrpreisnacherhebung. Mit 14-tägiger Einspruchsfrist…

Bei all dem Ärger:
Ich glaube, es ist besser Bahn zu fahren,
als den Individualverkehr zu fördern,
als auf der A 2 im Stau zu stehen,
als in Dortmund eine halbe Stunde vor dem Parkhaus zu warten.
Zu ca. 65 % passt es ja…
Und ich weiss, dass so ein komplexes System Bundesbahn mit vielen Unwägbarkeiten störanfällig ist.

Ich bin froh für die getroffene Entscheidung gegen das Auto,
die mir und vermutlich der Umwelt mehr Nutzen bringt als Schaden.

Nicht immer sind Entscheidungen so einfach.
Manchmal haben wir nur die Möglichkeit zwischen ‚Pest‘ und ‚Cholera‘.
Was immer ich tue:
Es hat keinen Nutzen oder schlimmer: Es endet in einer Katastrophe.
Bestimmt fallen Ihnen Beispiele ein…

Ethik versucht diese Dilemmata auf den Punkt zu bringen indem sie z.B. folgende Situation vor Augen stellt:

„Stellen Sie sich vor, Sie sind Weichensteller bei der Strassenbahn.
Eigentlich ein gut zu meisternder Beruf. Aber an diesem Tag kommt ihrer Weiche, auf abschüssiger Strecke, eine Bahn entgegen, die nicht bremsen kann.
Verstellen Sie die Weiche nicht, rast sie in eine Gruppe von fünf Gleisarbeitern die in die andere Richtung schauen und Hörschutz tragen. Sie werden keine Chance haben.
Wenn Sie die Bahn auf das Nebengleis lenken, wird ihr schwerhöriger Sohn, der gedankenverloren auf dem äußerst selten genutzten Gleis spielt, überfahren. Was tun Sie?“

Wenn wir uns in solchen ‚Einsamsten Situationen der Welt‘ befinden –
wo finden wir Antworten?
Was ist richtig, was ist falsch?
Sollen wir wegrennen, weil uns die Entscheidung überfordert?

Jesus ist im heutigen Evangelium in einer ähnlichen Situation.

Einsame Gegend, weitab von irgendwelcher Infrastruktur.
Überforderte Menschen sind zu ihm gekommen, 
‚Schafe, die keinen Hirten haben’.
Sie kleben an seinen Lippen. In ihrer auf ihn fixierten Hoffnung haben sie den Sinn für die Alltagsrealität aus den Augen verloren.
Überforderte Jünger, die über mangelnde Geldvorräte nörgeln, und nur einen kleinen Jungen mit fünf Broten und zwei Fischen auftreiben.
Da liegt es doch nahe, sich aus der Affäre zu ziehen!

Jesus handelt anders.
Er kennt die unzähligen persönlichen Dilemmata, die Menschen bedrücken.
Er gönnt ihnen die Stunde des Aufatmens.
Er weiß, dass er auf die meisten ihrer Fragen keine konkreten Antworten geben kann.

Und dann er handelt auf das Problem hin, dass alle haben. 
Dass sie verbindet.
Und dass sie – vermutlich – zufrieden den Weg nach Hause zurück gehen lässt.

Wenn wir das Evangelium so deuten, dass nicht die Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden, dann handelt Jesus vielleicht so:

Nicht: „Jeder soll sich selber helfen!“
Und er gibt sich auch nicht mit der Lösung der Jünger zufrieden.
Handelt nicht schnell. Wendet nicht die erst beste Lösung an.
Schaut genau hin. Übernimmt Verantwortung. Sagt was zu tun ist. Ermöglicht Gemeinschaft.
Das, was die Menschen vielleicht doch dabei hatten, wird miteinander geteilt.
Und wenn es nichts ist, dann ist doch die Stimmung so, dass der Hunger vergessen wird…
Das Gutes im Übermaß bleibt.

Aber löst Jesus das Dilemma?
Nicht ganz.
Denn die Menschen haben nichts verstanden.
Sie wollen ihn zu ihrem Partikularkönig, ihrem Brötchenkönig machen.
Sie wollen ihn in ihr Sytem einordnen.
Aber das ist nicht sein Weg.
Der führt ihn auf einen einsamen Berg.

Seine Berg-Antwort auf die großen Fragen, denen wir ausgesetzt sind lautet vielleicht:
„Schottet euch nicht ab.“
„Schlagt euch nicht alleine durch.“
„Sucht nicht euren eigenen Vorteil.“
„Teilt – und alle werden satt.“

(Foto von Christa Hennecke)

Gedanken zum 15. Sonntag B: Amos, Jesus und der Wanderstab…

Hier die biblischen Texte, die folgende Gedanken inspiriert haben:

Lesung aus dem Buch Amos
In jenen Tagen sagte Amazja, der Priester von Bet-El, zu Amos: Geh, Seher, flüchte ins Land Juda! Iss dort dein Brot, und tritt dort als Prophet auf!
In Bet-El darfst du nicht mehr als Prophet reden; denn das hier ist ein Heiligtum des Königs und ein Reichstempel.
Amos antwortete Amazja: Ich bin kein Prophet und kein Prophetenschüler, sondern ich bin ein Viehzüchter, und ich ziehe Maulbeerfeigen.
Aber der Herr hat mich von meiner Herde weggeholt und zu mir gesagt: Geh und rede als Prophet zu meinem Volk Israel!

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Markus
In jener Zeit rief Jesus die Zwölf zu sich und sandte sie aus, jeweils zwei zusammen. Er gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben, und er gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel,
kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen.
Und er sagte zu ihnen: Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt, bis ihr den Ort wieder verlasst.
Wenn man euch aber in einem Ort nicht aufnimmt und euch nicht hören will, dann geht weiter, und schüttelt den Staub von euren Füßen, zum Zeugnis gegen sie.
Die Zwölf machten sich auf den Weg und riefen die Menschen zur Umkehr auf.
Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.

„Geh, zieh dich zurück!“
„Du bist hier nicht erwünscht.“
„Wir brauchen deine Meinung nicht, 
wir lassen uns nicht von dir verunsichern!“
„Du nervst, du störst, stellst unser Leben, unsere Kultur und unseren Glauben in Frage!“
„Du irritierst und spaltest die einfachen Leute!“

Schwestern und Brüder,
so schallt es Amos, dem von Gott gerufenen Proheten, entgegen.

Erinnert Sie das an etwas, was Heute aber tausendfach geschieht?

„Hier ist unser Reichsaltar!“
In zehn Jahren, wenn es so weiter geht, wird man vielleicht (wieder) sagen: ‚Hier ist unser Reich!‘
„Fremde haben da nichts zu suchen!
„Ab, Amos, flüchte ins Land ‚Juda‘. Iss dort dein Brot und lass uns in Ruhe.“

Heute heisst es:
„Abschieben, gleich an der Grenze!“
Und wenn nicht möglich:
„Transitzentren, gleich an der Grenze.“
Noch besser:
„Flüchtet woanders hin!“ “ Hier gibt es nichts zu holen.“

Wir sind zwar so ziemlich das reichste Land der Welt, aber unsere Sozialkassen können nie und nimmer mehr belastet werden.
Schon komisch, wie das Geld in unserem Land verteilt ist. Und wer eigentlich Verantwortung für Menschlichkeit tragen sollte.
Schon komisch, dass solche Denkmuster in unserem Land möglich sind:
„Unser Recht, unsere Rechtsstaatlichkeit hat Vorrang vor Deinem Menschenleben!“

Und was sagt Amos aus der Bibel?
„Der Herr hat mich von meiner Herde weggeholt.“

Schwestern und Brüder,
hat der „Herr“ die ‚Migranten‘ aus ihren Heimatländern weggeholt?

Oder wurden sie vertrieben von korrupten Politikern mit Produkten unserer Waffenindustrie, die HIER Arbeitsplätze garantieren?
Oder wurden sie vertrieben von UNSEREN Lebens- und Ess-gewohnheiten,
die die Erderwärmung vorantreibt und ein Leben in der Heimat verunmöglicht?
Oder wurden sie vertrieben von UNSEREN Konzernen, 
die den Menschen in Afrika oder auf den Fidschiinseln  z.B. das ‚Grundrecht auf Wasser‘ vorenthalten, um es tausende Kilometer weiter zu vermarkten? Sehr exotisch!
Dabei brauchen wir nur den Wasserhahn aufmachen, solange es diese Konzerne nicht schaffen, auch UNS das ‚Grundrecht auf Wasser‘ mit Hilfe unserer Volksvertreter abzusprechen…

Schwestern und Brüder,
als ‚Viehzüchter‘ hatte Amos bestimmt einen Wanderstab dabei.

Ein Hilfsmittel,
dass Jesus denen zuspricht, die er aussendet.
Die ER selber auf den Weg bringt.
Die ER selber mit Vollmacht ausstattet.
Die ER nicht allein ziehen lässt,
nicht einsam, nicht selbstbezogen auf sich, sondern zu zweit.
Im Gegenüber. Sich korrigierend. Sich streitend. Sich motivierend.

Und DIESE haben den Wanderstab, der sie daran erinnert,
sich nicht festzusetzen sondern unterwegs zu bleiben.

Der Stab ist bis Heute geblieben.
Er erinnert dass wir eine Religion der Wege sind.
Nicht sesshaft.
Nicht an Häuser, nicht an Kirchen gebunden.

Die Ausstattung, die Jesus den Seinen nahelegt:
So wenig wie möglich.
Fast Nichts.
Alles andere macht schwerfällig.
Wer nichts mitnimmt, muss auf nichts aufpassen.
Wessen Koffer leicht ist, der legt längere Wege zurück.

Die Plastiktüten,
der Menschen, die nicht im Mittelmeer ertrunken sind, sind fast leer.
Trotzdem oder gerade deswegen geben sie die Hoffnung nicht auf.
Auch wenn Sie es nicht schaffen und am Ende in die „sichere Heimat“ oder in die Folterlager der lybischen Wüste ‚zurück geführt werden‘.

Schwestern und Brüder,
diese Rückgeführten sind Jesus näher als die,
die Rückfühungen veranlassen oder die sie durchführen MÜSSEN.

Die unser vermeintliches Recht und unseren Wohlstand schützen.

Es braucht es Mut, sich zu entscheiden:
„Wofür stehe ich?“
„Wofür lebe ich?“
„Was ist mir wichtig?“
„Hat ein Menschenleben Vorrang vor meinem Privateigentum?“

Es brauch Mut, Sachen zu lassen:
Gegenstände die unbeweglich machen,
Masterpläne und auch Kirchengesetze, 
die Menschen ausgrenzen und spalten.
Strukturen, die nicht MIT, sondern GEGEN andere mit viel Aufwand aufrecht gehalten werden.

Je mehr sich ansammelt, umso mehr gilt es zu schützen, zu bewahren und zu verteidigen.
Zäune um solche Festungen sind hoch, Eisengitter dicht, Schlösser dick,
die Abwehrmechanismen beeindruckend oder Abstand gebietend.
Und:
Man braucht Wächter um sie zu schützen.
Man braucht Gewalt, um ‚diese Art Schutz‘ durchzusetzen.
Man braucht Gewissenlosigkeit, Skrupellosigkeit,
um Menschen offenen Auges ertrinken zu lassen.

Jesus braucht „nur“ Menschen, die mit einem Wanderstab unterwegs sind.

‚es fließt anders als es soll‘ Gedanken zum Sonntagsevangelium vom 1.7.2018

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Markus
In jener Zeit fuhr Jesus im Boot wieder ans andere Ufer hinüber, und eine große Menschenmenge versammelte sich um ihn. Während er noch am See war,
kam ein Synagogenvorsteher namens Jaïrus zu ihm. Als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen und flehte ihn um Hilfe an; er sagte: Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie wieder gesund wird und am Leben bleibt.
Da ging Jesus mit ihm. Viele Menschen folgten ihm und drängten sich um ihn.
Darunter war eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutungen litt.
Sie war von vielen Ärzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu leiden; ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben, aber es hatte ihr nichts genutzt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden.
Sie hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten an ihn heran und berührte sein Gewand.
Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt.
Sofort hörte die Blutung auf, und sie spürte deutlich, dass sie von ihrem Leiden geheilt war.
Im selben Augenblick fühlte Jesus, dass eine Kraft von ihm ausströmte, und er wandte sich in dem Gedränge um und fragte: Wer hat mein Gewand berührt?
Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt?
Er blickte umher, um zu sehen, wer es getan hatte.
Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit.
Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein.
Während Jesus noch redete, kamen Leute, die zum Haus des Synagogenvorstehers gehörten, und sagten (zu Jaïrus): Deine Tochter ist gestorben. Warum bemühst du den Meister noch länger?
Jesus, der diese Worte gehört hatte, sagte zu dem Synagogenvorsteher: Sei ohne Furcht; glaube nur!
Und er ließ keinen mitkommen außer Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus.
Sie gingen zum Haus des Synagogenvorstehers. Als Jesus den Lärm bemerkte und hörte, wie die Leute laut weinten und jammerten,
trat er ein und sagte zu ihnen: Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur.
Da lachten sie ihn aus. Er aber schickte alle hinaus und nahm außer seinen Begleitern nur die Eltern mit in den Raum, in dem das Kind lag.
Er fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum!, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf!
Sofort stand das Mädchen auf und ging umher. Es war zwölf Jahre alt. Die Leute gerieten außer sich vor Entsetzen.
Doch er schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren; dann sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben.

Eine Berührung nur:

Vielleicht kriegt es niemand mit.

Es wirkt so, als wäre es rein zufällig.

Im Vorübergehen den anderen streifen.

Das bleibt unbeobachtet.

Warum?

Es ist zu peinlich.

Es wieder erklären.

Vor all den Leuten.

Und dabei keine Kontolle haben über den Ausfluss.

Das Blut kommt einfach. 

Jeder sieht es tropfen.

Die Folgen:

Mein Lebenshorizont wird immer enger.

Ich traue mich nicht mehr aus dem Haus.

Obwohl ich so Vieles probiert habe.

Zig Spezialisten aufgesucht.

Demütigungen

Ja, mich demütigen lassen: 

Die peinlichsten Stellen zeigen, berühren und behandeln lassen.

Ich weiss schon vorher: Es wird nichts nutzen. 

Nur unendlich viel Geld kosten.

Und dann kommt es wieder, das verfluchte Blut.

Fragen
Warum ausgerechnet ich?

Wie lange wird es noch reichen, das Geld? 

Was mache ich, wenn ich völlig verarmt bin?

Vielleicht gibt es einen Grund für die Krankheit.

Aber ER hat doch selber gesagt, dass niemand durch Krankheiten bestraft wird. Nicht für sein Handeln oder dass der Eltern.

Und, wenn es anders ist, ist der Grund schwerwiegend genug, 

mich mein ganzes Leben zu strafen?

Peinlich.

So peinlich. 

Immer wieder den Ärzten von der Blutung erzählen. 

In jeder Einzelheit. 

Sie dabei ansehen müssen, 

die professionelle Masken, die sie dabei aufsetzen, um ihre Gefühle nicht zu verraten.

Dann das Bewusstsein, dem Arzt die Zeit zu stehlen.

Nicht wichtig zu sein.

Verdammt zu sein.

Hoffnung

Immer wieder auf eine neue Therapie.

Das es irgendwann besser werden muss. 

Ich bin doch noch nicht alt. Habe das Leben noch vor mir!

Und es dann wieder und wieder erzählen.

Mittlerweile werde ich dabei nicht mehr rot. 

Härte ab. Spalte ab.

Das Ende: Umsonst, kein Ergebnis.

Das Blut läuft. 

Nicht in den Adern. Aus dem Geschlecht.

Dann kommt Jesus

Ich weiss, er muss weiter. 

Ein Kind, das zu sterben droht.  

Von hochgestellten Leuten.

Er hat keine Zeit.

Ich darf nicht stören.

Er muss doch all seine Kraft zum Guten auf das Mädchen hin focussieren.

Er wird abgeschirmt von den Jüngern.

Die Chance

Eine Lücke.

Eine Brührung.

Den Atem anhalten. 

Die Zeit steht still.

Der Augenblick meines ganzen Lebens.

Kraft spüren

Es kribbelt. 

Wie ein leichter Stromschlag.

Geht durch den ganzen Körper, lässt mich taumeln.

Ganz anders als bei den Ärzten und Therapeuten.

Viel tiefer. 

In die Mitte.

Und sie strahlt aus, Kraft, die erfüllt.

Er bleibt stehen

Irritiert. 

Wütend. 

Nicht verstehend.

Ich werde bleich.

Das Blut fliesst nicht mehr.

Ich glaube, es wird gut.

Sein Blick schweift umher. 

Seine Stimme voller Autorität.

‚Wer war das?‘

‚War da was?‘ – fragen die Jünger.

‚Lass dich nicht aufhalten, bevor es zu spät ist.‘

Schlechtes Gewissen

Ist es zu spät für das Mädchen?

Ist mein unverdientes, erbärmlich erschlichenes Glück das Unglück für das Kind? 

Für seine Familie?

Kann ich das Unwiderrufliche wieder gut machen?

Sein Blick trifft

Ins Herz.

Er weiss, dass ich es war.

Und noch mehr, er versteht.

Meine Verzweiflung. Meine Ausweglosigkeit. Meine Einsamkeit.

Ich sehe es.

Ich muss

Dazu stehen.

Auch wenn es alle Überwindung kostet.

Auch wenn die Leute gaffen.

Knallrot trete ich vor. 

Eingentlich der schlimmeste Augenblick meines Lebens.

Aber das spüre ich gar nicht.

Ich sehe nur ihn.

Knie mich hin.

Und mit gebrochener Stimme flüstere ich: 

‚Ich war es.‘

Die Welt steht still.

Seine Stimme

Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! 

Du sollst von deinem Leiden geheilt sein.

Ausländische Priester in Bayern

Ende Mai habe ich eine eindrucksvolle Dokumentation über ausländische Kollegen gesehen, die in bayrischen Bistümern eingesetzt sind.
Nachhaltig hat mich der Satz beeindruckt, dass diese Menschen in ihren Heimatkulturen wegen ihrer Tätigkeit geschätzt und beliebt waren. Das ist an ihren derzeitigen Arbeitsplätzen völlig anders, hier gelten sie ‚fast Nichts‘.
Dabei versuchen sie auf persönliche Weise, die Situation anzunehmen und den Menschen zu begegnen.

 

Die Sendung lohnt sehr!

 

Rassismus – Die Erfindung von Menschenrassen

Unter diesem Titel findet im Dresdener Hygiene-Museum eine Ausstellung statt.
Ich finde das anfragend, weil ich immer wieder feststelle, wie weit Denken, Sprechen und Handeln vom ‚in Schubladen-Stecken‘ geprägt ist.
Wenn das weiter bedacht wird, findet sich eine Quellen für dieses Denken im Rassismus.
Ich finde die Ausstellung mutig, weil sich das Hygiene-Museum mit seiner eigenen Geschichte auseinandersetzt:
So sollte es in der dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Rassentheorien der Nazis untermauern.

Im Ausstellungskatalog gibt es einen Artikel, der die Geschichte des Rassismus aufgreift und ihn bis Heute wirksam sieht:

  1. Rassismus bezeichnet Zweierlei:
    Eine bestimmte Form des Handelns und eine bestimmte Form des Denkens.
  2. Die geschichtliche Entwicklung zeigt, dass eine Aufteilung in rassistisches Handeln und rassistisches Denken wenig hilfreich ist. Vielmehr führt ein bestimmtes Denken zu Handlungen.
  3. In Zeiten unsicher gewordener Ordnungen und Grenzen und von unsicherer Zugehörigkeit bietet der Rassismus die Möglichkeit, die hergebrachte Zugehörigkeit theoretisch neu zu bedenken und praktisch wieder herzustellen.
  4. Der Rassismus hält ein bestimmtes Wissen darüber bereit, was Menschen tun müssen, um in ihrer Art zu überleben. Dieses Wissen rechtfertigt und leitet zum Handeln an.
  5. Dieses Denken hat wenig mit der Wirklichkeit oder mit der Erfahrungen zu tun, sondern es erschafft ein ‚Bild von der Welt‘, wie sie ‚von Natur aus‘ sein sollte.
  6. Rassistische Weltbilder haben oft den Charakter einer Verschwörungstheorie.
  7. Zunächst war der Begriff ‚Rasse‘ in der Pferdezucht präsent, wurde dann aber auf Menschengruppen angewandt.
  8. Im Mittelalter trat neben der „Reinheit des Glaubens“ auch die „Reinheit des Blutes“, z.B. bei der Re-Christianisierung Spaniens.
  9. Das Konzept der ‚Rasse‘ entwickelte sich. Es wurde ein zusätzliches Kriterium der Feststellung von unübersichtlicher gewordenen Gruppenzugehörigkeiten.
    Es half, eine sozial und politisch unsicher gewordene Ordnung zu stabilisieren und zu vereinheitlichen.
  10. Im 18. Jh. hat der Rassismus rechtfertigende Funktion. Er widerspricht dem Konzept der Aufklärung: Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit,
    der globalen Gleichbehandlung.
    Die Machtverhältnisse zwischen den kolonisierenden Europäern und kolonisierten außereuropäischen Kulturen stehen im Gegensatz zur  Aufklärung.
  11. Im 19. Jh. wird die Ungleichbehandlung durch einen ‚Zivilisierungsauftrag‘ gerechtfertigt, der die Höher- und Minderwertigkeit von Menschengruppen beinhaltet.
  12. Das Prinzip des ‚Konkurrenzkampfes aller natürlichen Evolution‘ wurde von Chrarles Darwin formuliert und später auf Menschen übertragen.
  13. Die Folge ist der ‚Rassenkampf‘ zur Erzeugung von besseren und neuen Rassen. Dieser fordert die Vernichtung  „des Fremden“ oder „des Anderen“.
  14. Die bloße Existenz anderer Rassen wird zur Gefahr, die bekämpft werden muss.
    Die Vernichtungspolitik der Nazis schließt sich an.
  15. Heute ist der Begriff ‚Rasse‘ gesellschaftlich umstritten, aber die Idee,
    dass ‚Andere‘ und ‚Fremde‘ durch ihre bloße Nähe das ‚Eigene‘ gefährden,
    und dass man dem nur durch Ausgrenzung begegnen kann,
    wird mit vielem politischem, medialem und auch wissenschaftlichem Aufwand populär gemacht.
  16. Zu glauben, dass das nichts mit Rassismus zu tun hätte, weil das Wort ‚Rasse‘ nicht auftaucht und man in ‚anderen Zeiten‘ lebt, ist voreilig.
  17. Rassismus ist eine der langlebigsten und anpassungsfähigsten Ideologien der Moderne,